„Jineolojî ist Antriebskraft für soziale Veränderung und Erneuerung“

Eindrücke von einer Podiumsdiskussion zum Thema Gewalt gegen Frauen in Efrîn

Efrin, der westlichste Kanton Rojavas, befindet sich derzeit im Belagerungszustand. Von den Kantonen Kobane und Cizire räumlich getrennt, ist Efrin von allen Seiten umgeben mit feindlich gesinnten Kräften. Spätestens seit das Militär des türkischen Staates im Oktober diesen Jahres nach ihrem Übereinkommen mit El-Nusra in Idlib eingefallen ist, hat sich die Situation radikal verschärft – jeden Tag stehen die Grenzregionen Efrins unter Beschuss von Mörsern, Granaten, schweren Waffen und heimlich zwischen Olivenbäumen platzierten Minen, denen die Zivilbevölkerung zum Opfer fällt. Drohnen und Kampfflugzeuge kreisen über der Region.
Doch trotz Kriegsdrohungen und täglicher Angriffe der türkischen Armee auf die Region – was als Angriff auf den Kampf für Freiheit und das Konföderale Modell verstanden werden muss – befasst sich die Bevölkerung Efrins, anstatt unter der gegebenen Situation wie unter Schock gelähmt zu werden, neben der Verteidigung auch weiterhin mit grundlegenden inhaltlichen Themen, um die Errungenschaften der Revolution zu sichern und auszubauen. Dabei ist besonders die Kraft, Solidarität, Freiheitsliebe und Kreativität der Frauen stärkste Antriebskraft und ermutigt alle Teile der Gesellschaft. Sie halten daran fest, ihre eigene Tagesordnung zu bestimmen und verbinden den Kampf für Befreiung als Frau mit dem Widerstand gegen Besatzung und Militarismus.

Dienstag, 21. November 2017 – Anlässlich des jährlichen Tages gegen Gewalt an Frauen am 25. November wurde heute in Efrin zu diesem Thema eine Podiumsdiskussion veranstaltet. Mit 200 Teilnehmerinnen aus den Kantonen Efrin und Şehba und der Stadt Aleppo sowie verschiedenen ethnischen, kulturellen, sozialen und religiösen Hintergründen – u.a. Kurdinnen, Araberinnen, Türkinnen, Türkmeninnen sowie Yezidinnen, Musliminnen, Christinnen und Alevitinnen – wurden die Entwicklungen in verschiedenen Bereichen der Gesellschaft beleuchtet und diskutiert. Im Mittelpunkt standen die Fragen: Was ist die Ursache für Gewalt? Warum ist insbesondere Gewalt gegen Frauen weit verbreitet? Was hat sich durch die Revolution verändert? Wo und wie müssen wir weiter anpacken, um die Gewalt gegen Frauen zu beenden?

Nach einer Gedenkminute für die Gefallenen der Revolution, richtete die Co-Vorsitzende des Kantones Efrin Hêvî Mistefa in ihrer Eröffnungsrede ein besonderes Augenmerk auf die auch heute noch hohen Zahlen von Gewalt gegen Frauen. Als Gründe für die fortgesetzte Gewalt gegen Frauen führte sie an, dass Frauen, die sich ihrer Kraft nicht bewusst sind, ihre Geschichte und Identität nicht kennen und sich nicht organisieren, die Machtverhältnisse nicht verändern könnten und immer wieder Opfer von Gewalt würden. Was wir also bräuchten, so Hêvî Mistefa, seien starke freie Frauen, die sich in allen Bereichen der Gesellschaft gemeinschaftlich organisieren und eine demokratische politische Kraft bilden. Frauen seien die Vorreiterinnen der Revolution. Dafür haben Frauen ihre eigenen Verteidigungskräfte, Organisationen und Wissenschaft aufgebaut, die sich nicht nach deren männlichen diktatorischen Pendants richten, sondern ihnen entgegentreten. Um die Wahrheit herauszufinden und Freiheit zu erreichen, brauchen wir einen eigenen wissenschaftlichen Ansatz: Jineolojî.

Sechs Jahre sind bereits vergangen, seitdem die Revolution von Rojava unter der Führung der Frauen begann. Es liege nun an uns allen und in unserer Verantwortung, die Werte und Erfolge der Revolution zu verteidigen und die Wege der gefallenen GenossInnen weiter zu gehen. Nach der Befreiung der Stadt Rakka stünde nun ein neuer, sehr wichtiger Prozess vor uns, den wir mit Wissen und Feingefühl bestreiten müssen. Dies seien Tage von historischer Bedeutung. Des weiteren verwies Mistefa auf die bevorstehenden Wahlen des Konföderalen Systems von Nordsyrien. Mit dem Versprechen, den gemeinsamen Kampf für die Zerschlagung des Systems der Isolationshaftfolter auf Imrali und für die Freiheit von Abdullah Öcalan zum Erfolg zu führen, schloss sie ihre Rede.

Darauf sprach Evîn Heci Hemo als Co-Vorsitzende der gesellschaftlichen Gerechtigkeitsinstanzen des Kantons Efrin über die Geschichte und Gegenwart sexistischer Gewalt sowie bisherige Lösungsansätze. Sie sprach über die vielfältigen Formen der Gewalt gegen Frauen, sei es physisch, psychisch, wirtschaftlich, rechtlich oder kulturell.

In der Menschheitsgeschichte habe die Frau zunächst in der neolithischen Gesellschaft eine leitende Rolle gespielt. Anstelle von Gesetzen seien Moral und Gewissen – repräsentiert durch weise, beobachtende und Rat gebende Frauen – natürliche Mechanismen zur Regelung des friedlichen und gerechten Zusammenlebens gewesen. Durch die Machtergreifung des Patriarchats habe die gesellschaftliche Realität brachial verändert und die einstigen Hüterinnen der Gesellschaft sahen sich maßloser Gewalt gegenüber. In diesem Sinne sei in der Mythologie der tödliche Schlag Marduks gegen Tiamat als Symbol der Durchsetzung der männlichen Gewaltherrschaft zu bewerten.

In allen Revolutionen, die sich an der herrschenden Mentalität und Ideologie orientiert und gleichzeitig keine geistige Revolution angestrebt hatten, seien Frauen trotz ihrer Anstrengungen letztendlich immer wieder mit Ermordung, Vertreibung, Marginalisierung und dem Zurückdrängen in ihren alten Positionen der Versklavung konfrontiert gewesen. Gewalt gegen Frauen ist auch heute noch ein Problem. Deshalb sei eine Vertiefung der Auseinandersetzungen mit der Philosophie von Rêber Apo notwendig, um die Revolution und die Freiheit der Frau – und damit auch die der Gesellschaft – zu vervollständigen. Mit der Rojava-Revolution seien enorme Erfolge für und durch Frauen in allen Bereichen – sozial, wirtschaftlich, militärisch und auch rechtlich – erreicht worden. Vielerorts wurden Häuser der Frauen, sogenannte “Mala Jinê”, errichtet, in denen Frauen daran arbeiten, Lösungen für Probleme zu entwickeln und sich bilden.
Mit den “qanûnên jinê” (Frauengesetze) wurde ein konkreter Versuch gestartet, die Rechte der Frauen zu verteidigen. Dabei liege zur Zeit besonders der Fokus darauf, Polygamie (Heirat eines Mannes mit mehr als einer Frau) und Verheiratungen in jungem Alter zu verhindern. Weiterhin müssten die Frauengesetze noch mehr allgemeine gesellschaftliche Anerkennung finden.
Im Vergleich zu den Vorjahren seien die Zahlen von häuslicher Gewalt, Vergewaltigung und Tötung deutlich zurückgegangen. Jedoch bestehe weiterhin ein dringender Bedarf, die Mentalität zu verändern. Im Bereich der Bildung gebe es immer noch Probleme, die verhindern, dass eine freiheitliche Mentalität in allen Bereichen der Gesellschaft verankert wird. Denn die patriarchale Mentalität stelle die Wurzel der meisten gesellschaftlichen Probleme dar.

In der anschließenden Diskussion meldeten sich Frauen aus allen Ortschaften Efrins, Aleppos und Şehbas zu Wort, darunter auch Lehrerinnen, Mütter, Politikerinnen und andere sozial und politisch Aktive.
Ein wichtiger Punkt, der angesprochen wurde, waren schmerzliche Erfahrungen von Gewalt gegenüber Frauen, die von anderen Frauen ausgeübt wird. Es handele sich dabei um die Taten von Frauen, die mit männlicher, unterdrückerischer Mentalität denken und handeln und die sich von ihrer weiblichen Natur entfernt hätten. Erster und wichtigster Punkt um der Gewalt – sei es der von Männern oder der von Frauen unter patriarchaler Logik ausgeübten – entgegenzutreten, seien Solidarität und Liebe von Frauen gegenüber anderen Frauen und unser Auftreten als gemeinschaftliche Kraft.

Weiterhin wurde gefordert, dass die Frauengesetze endlich zu Gesetzen der Familie und der ganzen Gesellschaft werden müssten. Damit sollte erreicht werden, dass sich nicht nur Frauen für ihre Umsetzung verantwortlich fühlen sollten, sondern dass es gesamtgesellschaftliches Anliegen wird.
Es wurde auch kritisiert, dass es Fälle gäbe, in denen die Frauengesetze und andere Gesetze sich teilweise widersprächen oder dass die Frauengesetze nicht ausreichten, um in einigen Fällen die Interessen von Frauen zu verteidigen z.B. bei Scheidungen gegen den Willen der Frau oder bei problematischen Aufteilungen von Besitz in Scheidungssituationen.

Als Grundsatz im Umgang mit Recht und Justiz wurde betont, dass Gesetze Bestandteil der zentralisierten (patriarchalen) Zivilisation seien und dass in einer freien, d.h. einer moralischen und politischen Gesellschaft, anstelle von Gesetzen Moral, Gewissen und menschliche Werte das Zusammenleben regeln. Folglich sei es das Ziel, den Zustand zu überwinden, in dem Gesetze nötig sind. Da wir uns jedoch gegenwärtig noch nicht in einer solchen Gesellschaft befänden, müssten wir auf revolutionäre Gesetze zurückgreifen. Es gelte aber als Priorität, das Verständnis der Gesellschaft von Gewissen und Moral zu stärken, damit Schritt für Schritt die Notwendigkeit von Gesetzen und damit verbundene Institutionen überwunden werden könnten.

Bezüglich des Aufbaus und Erhaltes von moralischen Werten meldeten sich besonders Mütter zu Wort. Sie kritisierten unter anderem die Neigung von Müttern, die eigenen Töchter nicht dazu anzuregen, Verantwortung in der Revolution und für die Gesellschaft zu übernehmen, sowie auch Tendenzen, das selbst erlebte Leid in der Person der Kinder zu wiederholen (z.B. Heiraten in jungem Alter). Zu Achtsamkeit wurde angehalten gegenüber dem übermäßigen Gebrauch von neuen Technologien, wie sogenannten “social media” und dem Sich-Verlieren in simulierten Welten. Dabei handele es sich um ideologische und kulturelle Angriffe auf die Gesellschaft, denen besonders die Jugend ausgesetzt sei. Hierüber würden sich Mädchen und junge Frauen häufig gegenseitig negativ beeinflussen, übereinander herziehen oder Neid und Eifersucht würden die Beziehungen zwischen Frauen überschatten. Anstatt dessen sei es nötig, dass wir uns als Frauen gegenseitig fördern, diskutieren und gemeinsam unsere Probleme lösen.

Im zweiten Teil der Veranstaltung sprach Dîrok Qehreman über den Inhalt und die Ziele von Jineolojî als einer Wissenschaft der Frauen und der Gesellschaft. Dabei betonte sie die Wichtigkeit der Perspektiven, die Abdullah Öcalan in seinen Verteidigungsschriften unter dem Namen “Soziologie der Freiheit” (Sosyolojiya Azadiyê) bezüglich der Bedeutung von Jineolojî für die Befreiung von Frau und Gesellschaft entwickelt habe. Sie stellte das Konzept von Jineolojî als themenübergreifende Wissenschaft dar, die sich der patriarchalen Mentalität der positivistischen Wissenschaften im Zeitalter des Kapitalismus entgegenstellt und deren wahrheitsverfälschende Mechanismen enttarnt. Sie stellte die Frage, ob Gewalt eine natürliche Eigenschaft der menschlichen Gesellschaft sei. Denn wäre dies der Fall, so wäre auch eine Problematisierung der Gewalt nicht nötig und Widerstand sinnlos. Jedoch zeigten geschichtliche Untersuchungen, dass Gewalt keineswegs ein fester Bestandteil der menschlicher Gesellschaften gewesen sei, wohingegen Verteidigung eine natürliche und essentielle Eigenschaft aller Lebewesen sei. Wie also, so müssten wir uns fragen, ist es zu der Verbreitung der Gewalt in der Gesellschaft gekommen? Warum besteht sie bis heute fort und wie sähe eine Gesellschaft aus, in der Gewalt nicht mehr existiere? Um diese Fragen beantworten zu können, sei Jineolojî der richtige Weg. Bislang seien alle geschichtlichen Aufzeichnungen auf der Basis von Mythologie, Religion, Philosophie und Wissenschaft stets aus der Sicht männlicher Herrscher geschrieben worden. Die Sicht von Frauen sei dabei immer unterdrückt und verfälscht worden. Um als Frauen für unsere und die gesellschaftliche Befreiung arbeiten zu können, ist es notwendig unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aus der Frauenperspektive neu zu deuten und als Wissenschaft zu strukturieren. Jineolojî biete in dieser Hinsicht einen Ausweg aus der scheinbar unlösbaren Krise, in der sich die Menschheit befindet.

Bezüglich Efrin äußerte sie, dass sich hier zahlreiche historische Orte befänden, deren Geschichte noch nicht geschrieben wurde und zum Verständnis deren Bedeutung eine weiblich-wissenschaftliche (jineolojische) Herangeheinsweise nötig sei. Als Beispiel nannte sie den “Kevira Bûkê” (den Brautfelsen), zu dessen Geschichte im Volksmund erzählt wird, dass dieser Stein einst ein junges Mädchen gewesen sei, das sich im Widerstand gegen ihre Zwangsverheiratung in einen Stein verwandelt habe. Hier sei ein Teil der Geschichte der Frauen und der Rebellion verborgen.

Im System der Demokratischen Gesellschaft, so Dîrok Qehreman, müssen Frauen als geeinte Kraft und bewusst ihren Platz einnehmen, damit Freiheit und Gleichheit unter Beachtung der Unterschiedlichkeiten verwirklicht werden. Dabei seien die Verinnerlichung und Verwirklichung der “5 Prinzipien der Frauen” in allen Bereichen maßgebend. Diese fünf Prinzipien sind die Liebe und der Selbstrespekt eigenen Geschlechts (Solidarität und Zusammenhalt unter Frauen); ein starker und freier Wille; Kampf; Selbst-Organisierung sowie freiheitliche Ethik und Ästhetik.

Zur Entwicklung der Jineolojî wurden Forschungszentren eröffnet, eines davon auch in Efrin, die sich mit der Aufdeckung der Wirklichkeit der Frau beschäftigen. Ein wichtiges Aufgabenfeld der Jineolojî sei auch die Bildungsarbeit, vor allem für die jungen Generationen. Hierbei seien Wissen und Verständnis wichtig; dogmatische Ansätze und die Tabuisierung einiger Themen als etwas “worüber mensch nicht spräche” müssten überwunden werden.
In der Gesellschaft seien zudem immer noch viele kulturelle Werte, egalitäre Ethik und Ästhetik verborgen, die aber kaum mehr bewusst wahrgenommen werden und die es gelte wiederzubeleben. In den Bereichen von Bildung, Geschichte, Gesundheit, Wirtschaft, Ökologie, Ethik und Ästhetik, Politik, Diplomatie, Demografie und Verteidigung seien viele Veränderungen nötig, in deren Frauenstandpunkte maßgebend für die Verwirklichung einer freien Gesellschaft seien.

Die herkömmlichen Sozialwissenschaften hätten dabei versagt, die Hierarchien und die Probleme in den Beziehungen zwischen Frau und Mann zu lösen. Dabei liegen gerade in diesen Beziehungen die Herrschaftsmechanismen und die damit verbundenen Probleme der Gesellschaft am tiefsten verborgen. Zu deren Lösung schlägt Jineolojî das Konzept des Freien Zusammenlebens (“Hevjiyana Azad”) vor, welches sich nicht nur mit Partnerschaften von Frauen und Männern beschäftigt, sondern alle menschlichen Beziehungen mit einbezieht. Um ein freies Zusammenleben zu verwirklichen, müssen wir uns von klassischen und konservativen Herangehensweisen trennen und gesellschaftlichen Sexismus bekämpfen.

Im Anschluss sprach Zelal Xebat als Vorstandsmitglied der Frauenbewegung Kongra-Star über das Thema “Frauen und Politik”. Sie erklärte zunächst das weltweit verbreitete (falsche) Verständnis von Politik, demzufolge Politik von “denjenigen gemacht werde, die leiten und Entscheidungen treffen”, wobei “diejenigen” immer Männer seien, die stark und beherrschend seien. In einem System solcher Politik würden Frauen – kraftlos, willenlos und ohne Entscheidungskraft – immer unterdrückt. Dieses Politikverständnis gelte weltweit – sei es im Mittlere Osten oder Europa. Selbst SozialistInnen seien in der Vergangenheit nicht im Stande gewesen, daran etwas zu ändern.
Als Alternative zur männlich-dominanten Politik stellte Zelal Xebat das politische System der gesellschaftliche Selbstverwaltung und des Co-Vorsitzes vor, in dem die Teilnahme beider Geschlechter, von Frau und Mann, Grundlage sei. Mit diesem System könne die demokratische Politik der moralischen Gesellschaft verwirklicht werden.
Dabei legte sie ein besonderes Augenmerk darauf und warnte, dass ein rein technisches Anwenden des Co-Vorsitzes und ein bloßes Einführen einer 50%-Quote für Frauen und Männern im Bereich der Politik, nicht zum Erfolg führen werde. Allein die zahlenmäßige Teilnahme von Frauen in der Politik sei nicht ausreichend. Denn es habe sich gezeigt, dass die verinnerlichte patriarchale Mentalität dazu führe, dass Frauen häufig nur physisch an Politik teilnehmen und Ämter besetzen würden, jedoch die Politik nicht mit Frauenstandpunkten und einer freiheitlichen Mentalität aktiv gestalten würden. Dadurch würde das herrschende System unverändert fortgesetzt. Es müsse vielmehr darum gehen, durch einen ideologischen und organisierten Kampf von Frauen in der Politik und durch ihre Teilnahme an der Politik mit Frauenstandpunkten einen Wandel in der Mentalität zu bewirken. Wo auch immer Frauen tätig seien, müssten sie soziale Veränderung und Erneuerung fördern.
Das System des Co-Vorsitzes wurde im Jahre 2005 durch Rêber Apo vorgeschlagen und fand zunächst Anwendung in gewählten Stadtverwaltungen in Nordkurdistan und der Selbstverwaltung in Autonomieregionen. Heute ist es auch Prinzip der Selbstverwaltung in Rojava und des Konföderalen Systems Nordsyrien. Dabei wurden, so Zelal Xebat, in allen Bereichen, von den kleinsten Verwaltungs- und Entscheidungseinheiten in der Kommunen bis hin zum Vorsitz des Konföderalen Systems das Prinzips des Co-Vorsitzes und der 50%-Quote durchgesetzt. In allen Bereichen – darunter Co-Vorsitz, soziale Vielfalt und ökologische Wirtschaft – werde Efrin ein Beispiel auch für andere Regionen sein. Die Aufgabe der Jineolojî sei hierbei als Antriebskraft für soziale Veränderung und Erneuerung, den richtigen Weg zu weisen.

Als letzte Rednerin des Tages sprach die YPJ-Kommandantin Amed über Verteidigung und Selbstverteidigung. Sie erklärte, dass jedes Lebewesen über Selbstverteidigungsmechanismen verfüge und dass Selbstverteidigung zugleich ein natürlicher Instinkt und ein Bedürfnis sei. Gegenüber den zahlreichen Angriffen, mit denen Frauen und die Gesellschaft heute konfrontiert sind – physischen, psychologischen, ideologischen, sexuellen, militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Angriffen – sei es die Pflicht und Verantwortung der Frauen, sich zu verteidigen. Um insbesondere physischen Angriffen entgegenzuwirken, Gewalt zu bekämpfen sowie politische und soziale Handlungsmöglichkeiten dort zu eröffnen, wo sie am meisten unterdrückt werden, sei die militärische Organisierung und Kraft der Frauen von essentieller Bedeutung. Wenn sich heute in Rojava Frauen in allen Bereichen ausdrücken und Veränderung herbeiführen können, dann sei dies ohne Zweifel ihren militärischen Verteidigungskräften zu verdanken.
Amed lenkte besondere Aufmerksamkeit auf die aktuelle Situation des Kantons Efrin. Seit Monaten ist der Kanton Efrin durch die türkische Armee und von ihr gelenkte Söldnertruppen umzingelt und wird von ihnen täglich mit Bomben, Minen, Mörsern und anderen Waffen angegriffen. Hiergegen müsse sich die gesamte Bevölkerung Efrins sowie die Errungenschaften der Revolution und das Konföderale System verteidigen. So wie YPJ für die Verteidigung nach außen von äußerster Wichtigkeit sind, so seien im Inneren auch die Selbstverteidigungs- und Verteidigungskräfte der Frauen wie HPC Jin und Asayîşa Jin unverzichtbar. Die Kräfte der Frauen seien auf hohem Niveau vorbereitet. In diesen Tagen, so Amed, sei es jedoch die Verantwortung und Aufgabe einer jeden Frau, wo auch immer sie sich befände, sich gegen diese Angriffe zu verteidigen.

Es folgte eine weitere Diskussionseinheit. Dabei kam die Bildung und Erziehung von Kindern zur Sprache, die neben Frauen im patriarchalen System am meisten unterdrückt und ausgebeutet werden. Richtige Bildung sei der elementare Schlüssel für die Veränderung hin zu einer demokratischen Gesellschaft. Aber wie diese Bildung aussehen müsse, damit sie nicht nur Theorie bleibe sondern auch Praxis werde, dazu gäbe es bislang noch keine zufriedenstellenden Antworten. Sicher sei jedoch, dass an der Art und Weise der Bildung Änderungsbedarf besteht.

Weiterhin kamen einige Probleme zur Sprache, in denen Frauen davon berichteten, dass auch Frauen bislang keine ausreichende Veränderung der Mentalität und Befreiung erreicht hätten und in klassische Verhaltensmuster verfallen würden. Beispielsweise wurde kritisiert, dass einige Frauen dazu neigen würden, „es sich in ihrer Opferrolle gemütlich zu machen“ und allein die Männer beschuldigten, anstatt sich zu organisieren, zu bilden, zu kämpfen und selbst Handlungsmöglichkeiten aufzubauen und zu ergreifen. Es sei nicht möglich, die klassischen Geschlechterrollen des beherrschenden Mannes und der versklavten Frau kampflos zu überwinden und es sei von keinem Mann zu hoffen, dass dieser freiwillig seine Position aufgebe. Stattdessen sei es Aufgabe der Frau für ihre Freiheit zu kämpfen und damit auch die Gesellschaft zu befreien.
Außerdem wurde angesprochen, dass in Abhandlungen über Göttinnen der matriarchalen Gesellschaft und die kreative und hervorbringende Kraft der Frauen, wir nicht den Fehler machen sollten, Frauen schlicht zu „Göttinen der Hausarbeit“ zu machen. Stattdessen findet sich die schöpferische Kraft der Frauen in allen Bereichen des Lebens wieder: Sowohl im gesellschaftlichen, im politischen, wirtschaftlichen und gerechtigkeitsschaffenden und -sichernden Bereich als auch in der Verteidigung.

Besondere Wichtigkeit wurde auf die Einheit der Frauen als soziale, politische, ideologische und auch militärische Kraft gelegt. Dabei wurde eine Taktik von Männern beleuchtet, die einzelne Frauen auf ihre Seite ziehen und gegen andere Frauen ausspielen, um Frauen – die vereint eine ernstzunehmende Kraft darstellen – zu spalten und unschädlich zu machen. Demgegenüber gelte es stets wachsam zu sein.

Als Frauen dürfen wir uns nicht spalten lassen, nicht Verhaltensweisen reproduzieren, die das patriarchale System gegen uns entwickelt hat, wie beispielsweise Neid, Eifersucht, Lästerei und Tratsch. Stattdessen wollen wir uns gegenseitig fördern und mit vereinten Kräften das System der Ausbeutung und Unterdrückung niederreißen und eine ökologische und demokratische Gesellschaft aufbauen, die sich die Befreiung der Frau zur Grundlage nimmt.

Mit den Parolen dieses Tages im Kopf und im Herzen: “Gewalt gegen Frauen ist Gewalt gegen das Leben”, “Von der Wurzel her die Gewalt ausreißen und ein freies Zusammenleben aufbauen!” und “Wir werden das System von Imrali niederreißen und mit der Ideologie Rêber Apo’s die Freiheit verwirklichen”!

In diesem Sinne endete der Tag erfolgreich mit Zuversicht, neuen Perspektiven und neuer Energie unter den Zeichen:

JIN JIYAN AZADÎ

und

BÊ SEROK JIYAN NABE!