Feminismus – Die Rebellion der ersten Kolonie: Unser Erbe und der Aufbau unserer Zukunft

ANN-KRISTIN KOWARSCH

Vortrag für die 1. Jineologie – Konferenz

27. Februar – 2. März 2014 an der Universität Köln

 Trotz über 200 Jahren feministischer Theorie und Praxis leben wir noch immer in einer Welt, die durch patriarchale Gewalt und HERRschaft dominiert wird. Am 8. März 2014 blicken wir auf eine 103 Jahre alte Geschichte des organisierten, politischen Kampfes von Frauenbewegungen weltweit zurück. Jedoch ist es uns bislang nicht gelungen, die systematische geistige, seelische und physische Gewalt aufzuhalten, die das Leben und die Gesundheit von Frauen gefährdet. Dieser Feminizid konnte weder reduziert geschweige denn überwunden werden. Deshalb ist es notwendig, dass wir das Wirken und die Kämpfe von Frauen und Frauenbewegungen reflektieren. Zugleich sind damit die Fragen verbunden: Welche gesellschaftlichen Veränderungen konnten Frauen erkämpfen? Und welche Schritte sind notwendig, um Alternativen zum patriarchalen, kapitalistischen Herrschaftssystem aufbauen zu können?

In meinem Beitrag möchte ich der Frage nachgehen, welche Rolle das Erbe und der Erfahrungsschatz feministischer Kämpfe für die Entwicklung der kurdischen Frauenbewegung spielt(e) und welche Impulse wiederum die kurdische Frauenbewegung für den Aufbau einer freien Gesellschaft gibt. Denn für gesellschaftliche Alternativen sind radikales Denken und Handeln aus der Frauenperspektive eine Notwendigkeit – nicht nur in Kurdistan.

  1. Was begreifen wir als „das Erbe des Feminismus“?

Zunächst möchte ich vorweg sagen, dass dieses Erbe nicht im herkömmlichen Sinne, als die „Hinterlassenschaften eines/r Toten“ begriffen werden kann. Erbe bezeichnet in diesem Kontext vielmehr ein Vermächtnis, bzw. die Nachwirkungen einer Epoche, die die Grundlage für neue Entwicklungen geschaffen hat. Beim Erbe des Feminismus handelt es sich um ein lebendiges Erbe; um die Geschichte und Errungenschaften von Frauen und Frauenkämpfen. An diese Geschichte wollen wir anknüpfen und sie weiterschreiben.

Die Mitbegründerin der kurdischen Frauenbewegung, Sakine Cansiz, die am 9. Januar 2013 in Paris ermordet wurde, beschrieb den Zugang der kurdischen Frauenbewegung zum Feminismus in einem Interview folgendermaßen: „(…) im Kern unserer Bewegung hat immer gestanden, auf Erfahrungsschätze zurückzugreifen und sie zu bewerten. Das konnten die Erfahrungen von irgendwelchen Frauenorganisationen oder von Rosa Luxemburg und Clara Zetkin sein; feministische Bewegungen oder andere Befreiungsansätzen. Allerdings haben wir nie alles so übernommen, wie es andere gemacht haben, sondern wir haben immer geguckt, wie können wir das auf unsere eigenen Bedingungen beziehen? Wie können wir daran anknüpfen und zusammen mit unseren eigenen Erfahrungen selber etwas Neues darauf aufbauen? Wir haben uns nie dem Sozialismus sehr utopisch angenähert. Das war für uns nie irgendetwas ganz weit Entferntes. Wir haben eher geguckt, wie lassen sich Sozialismus, Freiheit und Gleichheit verwirklichen? Wie können wir selber zumindest bei uns anfangen, diese Grundsätze in unserem Leben umzusetzen? Wir haben immer Hoffnung und Utopien gehabt, die wir nicht auf zukünftige Generationen projizieren wollten. Stattdessen haben wir angefangen, unsere Utopien und Hoffnungen im Hier und Jetzt umzusetzen.“1

Hinsichtlich des Bezugs auf die Erfahrungen feministischer Theorie und Kämpfe ist es wichtig, anzumerken, dass der Feminismus nicht homogen ist. Vielmehr kann „Feminismus“ als ein Oberbegriff bezeichnet werden, der für politische Bewegungen und Theorien verwendet wird, die die Gleichberechtigung, Befreiung und Selbstbestimmung von Frauen zum Ziel haben sowie für das Ende aller Formen des Sexismus eintreten. In Wechselwirkung mit verschiedenen sozialen Emanzipationsbewegungen hat der Feminismus verschiedene historische und regionale Entwicklungswellen durchlaufen. Obwohl viele feministische Ansätze eine kritische Hinterfragung von Geschichte, Gesellschaft und Kultur mit einschließen, hat sich bis heute keine einheitliche feministische Theorie herausgebildet. Trotz der Vielfalt an ideologischen Strömungen und praktischen Ansätzen gibt es wichtige Errungenschaften, die historische und globale Relevanz haben. Diese bildeten auch wichtige Grundlagen für den Aufbau der kurdischen Frauenbewegung, bzw. stellen ein Fundament der Jineologie dar:

Ein wichtiger Verdienst des Feminismus (oder der Feminismen?) ist die Definition von patriarchaler Unterdrückung sowie die Sichtbarmachung der systematischen Unterdrückung von Frauen und des Ausschlusses von Frauen aus dem öffentlichen Leben.

Seit der Durchsetzung patriarchaler HERRschaft kämpften Frauen in allen Teilen der Welt für ihre Freiheit. Der Begriff des Feminismus wurde zunächst von feministischen Theoretikerinnen und Kämpferinnen2 aus europäischen Ländern und Nordamerika geprägt. Ihre Arbeiten bewirkten, dass sich ab dem 19. Jahrhundert Schritt für Schritt ein feministisches Bewusstsein herausbildete. an das Frauen und Frauenbewegungen in verschiedenen Ländern anknüpften. Einige wesentliche Elemente des Feminismus, die sich die kurdische Frauenbewegung zu eigen machte und auf die sie, den eigenen Bedingungen entsprechend, aufbaute sind folgende:

  1. Frauen wurden sich darüber bewusst, dass sie eine gesellschaftliche Gruppe darstellen, die allein aufgrund ihres Geschlechtes mit Benachteiligung und Unterdrückung konfrontiert ist.

Dies führte dazu, dass Sexismus als ein spezifisches Unterdrückungsverhältnis und als gesellschaftlicher Widerspruch definiert wurde. Verschiedene feministische Ansätze thematisierten hierbei auch die Wechselwirkungen und Zusammenhänge von Sexismus und anderen Unterdrückungsverhältnissen wie Rassismus, Kapitalismus und imperialistischer Ausbeutung.

  1. Frauen erkannten, dass diese Unterdrückung nicht „natürlich“ oder „gottgegeben“ ist, sondern gesellschaftlich bzw. politisch konstruiert wurde.

Insbesondere durch die Erforschung von Frauengeschichte wurden sich Frauen darüber bewusst, dass das Patriarchat weder eine biologische „Notwendigkeit“ noch ein historischer „Fortschritt“ in der Menschheitsgeschichte ist. Das Wissen darüber, dass vor dem Patriarchat von Frauen geprägte egalitäre Gesellschaften existierten, zeigt neue Möglichkeiten auf, in den Lauf der Geschichte einzugreifen und nicht-hierarchische alternative Gesellschafts- und Beziehungsformen aufzubauen.

  1. Frauen erlebten, dass sie kämpfen müssen, um diese Situation verändern zu können. Hierzu gehörte auch, eigene Ziele, Strategien und eine eigene Politik zu entwickeln.

Der Kampf für das Frauenwahlrecht, Bürgerinnen- und Arbeiterinnenrechte in der ersten Welle des Feminismus im 19. und Anfang 20. Jahrhunderts konnte wichtige Erfolge erreichen. Auch die Kämpfe der Frauenbewegungen in der zweiten Welle des Feminismus zwischen 1970 und ’90, die sich unter dem Motto „Das Private ist politisch“ gegen Sexismus in Familie, Staat und Gesellschaft richteten und unter dem Slogan „Mein Körper gehört mir“ reproduktive Rechte und das Selbstbestimmungsrecht von Frauen thematisierten, konnten wichtige rechtliche und gesellschaftliche Veränderungen bewirken.

  1. Frauen wurden sich über die Notwendigkeit der eigenständigen Organisierung und die stärkende Bedeutung von Solidarität und Zusammenarbeit unter Frauen bewusst.

Aufgrund der historischen Erfahrung, dass Frauen in vielen Revolutionen und sozialen Bewegungen stets eine treibende Kraft darstellten, ihre Forderungen und Bedürfnisse jedoch kaum wahrgenommen wurden, konnte gefolgert werden, dass für den Kampf um gesellschaftliche Veränderung autonome Frauenorganisierung eine Notwendigkeit ist. Dies war auch der Inhalt der feministischen Marxismus-Kritik, die besagte, dass der Geschlechterwiderspruch kein Nebenwiderspruch ist und dass – wie die Erfahrungen des Realsozialismus gezeigt haben – die Diktatur des Proletariats nicht „automatisch“ zur Frauenbefreiung führte.

  1. Frauen begannen, eigene alternative Strukturen aufzubauen und Zukunftsvisionen zu erarbeiten.

Neben der Kritik an patriarchalen (Gesellschafts-)Strukturen, bemühten sich verschiedene feministische Initiativen ab Anfang der 1970er Jahre auch darum, alternative Lebensentwürfe und Strukturen zu entwickeln. Beispiele hierfür sind Frauenwohngemeinschaften, -arbeitskollektive und -kommunen, feministische Gesundheitszentren, Zeitungen und Buchläden. Zugleich baute die autonome Frauenbewegung Unterstützungsstrukturen für Frauen auf, die Gewalt ausgesetzt waren, wie z.B. autonome Frauenhäuser, Notruftelefone und Beratungsstellen. Lokale Selbsterfahrungsgruppen, autonome Frauenbildungsstätten, Frauenwochen und feministische Sommeruniversitäten bildeten ein Netzwerk alternativer Bildungsstrukturen, in denen auch neue Methodiken ausprobiert wurden. Hierzu gehörte der Ansatz, die eigenen Lebenserfahrungen kollektiv zu reflektieren und neue Formen des Wissens zu schaffen, das neue Handlungsperspektiven ermöglichte. Feministische Wissenschaftlerinnen kritisierten u.a. das patriarchalen Konstrukt der „allgemeingültigen“ Vernunft, der „Objektivität“ und des „neutralen Subjektes“. Denn hierdurch wurde „der Mensch“ mit dem Mann gleichsetzt und somit Frauen und unsere Lebensrealitäten negiert. Demgegenüber entwickelten Feministinnen eine interdisziplinäre Frauenforschung, die universitär und außeruniversitär betrieben wurde. Kritiken an der marxistischen Arbeitswerttheorie, in der die unbezahlte Hausarbeit von Frauen ausgeblendet wurde, führten zur Perspektive einer feministischen Ökonomie.

Im Feministische Diskurs über Zukunftsvisionen und Utopien kristalisierten sich vier Ansätze heraus:

  1. Das liberale Konzept von der „Gleichberechtigung durch Teilhabe an Macht“, die in der Aktionsplattform der UN-Frauenkonferenz von Peking 1995 als Gendermainstreaming vorgesehen wurde.

  2. Die Utopie des separatistischen Feminismus, abgekoppelte alternative „Frauenwelten“ zu schaffen

  3. Das Ziel, herrschaftsfreie Gesellschaften aufzubauen und den Weltfrieden zu sichern, das der libertäre, sozialistische Feminismus verfolgte.

  4. Die Vision der individuellen und sozialen „Dekonstruktion der Geschlechter“ wie sie z.B. von Judith Butler in der dritte Welle des Feminismus konzipiert wird

  1. Was sind Fehler und Unzulänglichkeiten der bisherigen feministischen Theorie und Praxis?

Angesichts eines derart reichen Erbes feministischer Theorie und Praxis müssen wir uns die Frage stellen, warum Frauenbewegungen in vielen Ländern und international heute in einer relativ schwachen Position sind. Das heisst, unser Erbe umfasst auch Erkenntnisse, die wir durch Fehler und Unzulänglichkeiten erworben haben. Um unsere Zukunft gestalten zu können, müssen wir uns dieser bewusst sein und Alternativen finden. Diesbezüglich möchte ich einige Gedanken zusammenfassen:

Ohne eine radikale, umfassende Systemkritik kann das Patriarchat nicht überwunden werden

Zur Überwindung des herrschenden Monopols von patriarchalen Denkmodellen sowie deren Einfluss auf unsere Seele, auf unser Denken und Handeln ist die Infragestellung aller vorhandenen Religionen, Wissenschaftsauffassungen; nationalistischer, kapitalistischer und sexistischer Denkweisen notwendig. Der Feminismus und seine Perspektive dürfen nicht auf das Erlangen von „Frauenrechten“ eingeschränkt werden, sondern müssen zugleich als ein Kampf gegen Kapitalismus, Rassismus, Imperialismus und jegliche Form von Unterdrückung verstanden und geführt werden. Der liberale Feminismus hat viele Frauen – insbesondere in den westeuropäischen Ländern – zu dem Trugschluss geführt, „frei zu sein“ und „frei entscheiden“ zu können.

Durch das Konzept des „Gendermainstreamings“, d.h. Teilhabe einiger weniger Frauen am Kuchen der Macht sowie die Verstaatlichung und Institutionalisierung ehemals gesellschaftskritischer feministischer Ansätze wurden Frauen ihres Potentials beraubt, eine alternative politische und gesellschaftliche Kraft zu sein. Seit den 1990er Jahren professionalisierten viele feministische Einrichtungen ihre Arbeit über staatliche Projektförderungen. Die Abhängigkeit von staatlichen Geldern führte dazu, dass viele ehemals systemkritische Feministinnen ihre Ansätze entweder an staatliche Projektleitlinien anpassten oder sich in Nischen zurückzogen. Deshalb können sich heutzutage Regierungen mit ihren Programmen gegen Gewalt oder der Forderungen nach mehr Frauen in Spitzenpositionen als „Retter der Frauen“ präsentieren. Die Mehrheit der Frauen, denen es aufgrund der patriarchalen, kapitalistischen und rassistischen Strukturen nicht gelingt, zu Geld und Anerkennung zu kommen, werden als individuelle „Versagerinnen“ betrachtet. Auch von vielen Frauenprojekten wird der Staat mittlerweile eher als „Bündnispartner“ im Kampf gegen Geschlechterungleichheit wahrgenommen, anstatt als das, was er ist: ein Fundament des patriarchalen Systems!

Wie an den stark auseinanderklaffenden Zukunftsvisionen der unterschiedlichen feministischen Strömungen deutlich wird, sind Frauen und Frauenbewegungen stark zersplittert und gespalten. Das gilt für ihre theoretischen Ansätze und ihre Methodik genauso wie für ihre Praxis. Neben der unzureichenden Systemanalyse behindern auch scharfe Abgrenzungen und mangelnde Auseinandersetzungen unter Frauenorganisationen sowie zwischen den ideologischen Strömungen die politische und gesellschaftliche Wirkungskraft feministischer Kämpfe. Die Zersplitterung hat vielerorts zu einer Art Konkurrenz unter den wenigen verbliebenen Frauenorganisationen geführt, die einer solidarischen Zusammenarbeit im Wege steht. Das Resultat ist beispielsweise, dass es zum diesjährigen 8. März in Stuttgart gleichzeitig fünf verschiedene Mobilisierungen von Frauenorganisationen oder Bündnissen gibt. Angesichts der schwachen Situation der Frauenbewegung in Deutschland bleibt die Frage, ob es nicht sinnvoller und wirkungsvoller wäre Kräfte zu bündeln?

Häufig hat eine eurozentristische und liberal-kapitalistische Perspektive europäischen Feministinnen den Blick dafür versperrt, unter welchen historischen, gesellschaftlichen und politischen Bedingungen nicht-europäische Frauen leben und kämpfen. Dies führt dazu, dass sie nicht-christlich/europäische Frauen als „unterdrückt“ bemitleiden oder als Objekte betrachten, die gerettet werden müssen. Selbstbewusstes, organisiertes Auftreten nicht-europäischer Frauen erscheint ihnen „suspekt“. So haben wir bei manchen europäischen feministischen Projekten erlebt, dass sie Frauenbewegungen anhand von Klischees in „unterstützungswerte“ bzw. „nicht-unterstützungswerte“ Bewegungen klassifizieren, ohne sich überhaupt mit den Ansätzen und Anliegen auseinandergesetzt zu haben. Genauso wie der Feminismus vielen Frauen dazu verholfen hat, sich aus der Opferposition zu befreien und zu eigenständig denkenden und handelnden Subjekten zu werden, müssen auch andere Frauen / Menschen als Subjekte wahrgenommen werden.

Neben dem insgesamt schwachen Zustand progressiver Bewegungen in Europa führten u.a. diese Faktoren dazu, dass es dem Feminismus in Europa bislang kaum gelungen ist, kontinuierliche und ganzheitliche Organisierungsmodelle aufzubauen, die heute eine gesellschaftliche Alternative zum patriarchalen, kapitalistischen System darstellen können.

  1. Alternativen der kurdischen Frauenbewegung für den Aufbau einer demokratisch, ökologischen und geschlechterbefreiten Gesellschaft:

Die kurdische Frauenbewegung formierte sich zu Beginn der 1990er Jahre im Kontext des nationalen Befreiungskampfes. Zu dieser Zeit – nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus – war sowohl die Hochphase nationaler Befreiungsbewegungen bereits vorüber als auch der Höhepunkt der zweiten Welle des Feminismus. Obwohl es stets ein Interesse an den Erfahrungen von progressiven Bewegungen in anderen Ländern gab, so waren zu diesem Zeitpunkt viele Werke der feministischen Theorie und Praxis aus anderen Ländern für kurdische Frauen schon allein deshalb nicht zugänglich, weil sie damals noch nicht ins Türkische – geschweige denn ins Kurdische – übersetzt worden waren. Vor diesem Hintergrund bildeten hauptsächlich die eigenen konkreten Erfahrungen, die Analyse der gesellschaftlichen, politischen und historischen Bedingungen in Kurdistan die Grundlage für den Aufbau und die Entwickelung der kurdischen Frauenbewegung. In diesem Kontext spielten wiederum die Analysen und Perspektiven Abdullah Öcalans, der eine Parallele zwischen der Kolonialisierung Kurdistans und der patriarchalen Unterdrückung von Frauen zog, eine entscheidende Rolle. Sowohl in theoretischer als auch in praktischer Hinsicht ermutigte er Frauen, sich in der Gesellschaft und in der Organisation von den patriarchalen Strukturen loszulösen, sich autonom zu organisieren, die eigene Geschichte zu erforschen und ihre eigene Politik zu entwickeln. Dieses Projekt wurde seitens der kurdischen Frauen mit großem Interesse und Ernsthaftigkeit aufgenommen und umgesetzt. Es war ein ganzheitlicher, dialektischer Ansatz, der verschiedene Entwicklungsstadien durchlief und u.a. individuelle und kollektive Selbstbefreiung; Theorie und Praxis; Guerillakampf und gesellschaftlichen Neuaufbau mit einschloss. Ihre Zukunftsvision definiert die kurdische Frauenbewegung als eine demokratisch-ökologische-geschlechterbefreite Gesellschaft, die auf konföderalen, basisdemokratischen Selbstverwaltungsstrukturen basiert. Die autonome Frauenorganisierung und die Frauenbefreiung sehen sie als die Garantie für den Aufbau eines solchen Gesellschaftssystems. Hunderttausende kurdischer Frauen aus allen gesellschaftlichen Schichten und Generationen identifizieren sich heute mit dem Kampf und den Zielen der kurdischen Frauenbewegung, die vor allem in Nord- und Westkurdistan zu einem wichtigen politischen und gesellschaftlichen Faktor geworden ist.

Ich meine, dass es einige wichtige Eckpunkte für die Erfolge des Frauenbefreiungskampfes und die gesellschaftlichen Umbrüche in Kurdistan gibt. Diese Eckpunkte können auch für eine Wiederbelebung bzw. Weiterentwickelung feministischer Theorie und Praxis in Europa und anderen Teilen der Welt von Bedeutung sein. Hierzu gehören die Themen:

  1. Geschichtsbewusstsein und Systemanalyse

  1. Ideologie – Frauenbefreiungsideologie und Jineologie

  1. Autonome Frauenorganisierung und Selbstverteidigung

a. Geschichtsbewusstsein und Systemanalyse

Die Nachforschungen über matriarchal geprägte Gesellschaftsformen und die Göttinnenkultur im neolithischen Zeitalter in Mesopotamien stellten für kurdische Frauen – deren Geschichte und Identität in doppelter Hinsicht verleugnet wurde – positive Bezugspunkte und stärkten das Selbstbewusstsein – kollektiv und individuell. Die Durchsetzung patriarchaler Herrschaft, die als „erster Bruch in der Menschheitsgeschichte“ bezeichnet wird, mit der Hierarchien, Staat und Privateigentum durch Mythologien legitimiert, den Menschen aufgezwungen wurden, bildet zugleich die Grundlage einer umfassenden Systemanalyse der kurdischen Frauenbewegung.

Die kurdische Frauenbewegung organisiert kontinuierliche kollektive Bildungseinheiten und Diskussionsprozesse zum Thema Frauengeschichte. Diese stehen unter dem Motto „Die Geschichte der Frauenunterdrückung wurde noch nicht geschrieben, die Geschichte der Frauenbefreiung wartet darauf, geschrieben zu werden“. Mitglieder der kurdischen Frauenbewegung sprechen davon, dass sie das Bedürfnis haben, den Verlauf der Frauenrevolution aus philosophischer und gesellschaftlicher Sicht, aus der Sicht kämpfender Frauen aufzuschreiben.3 Über diesen Ansatz werden das Erbe, Erfahrungen und Wissen von Frauen ständig neu reflektiert und an neue Generationen weitervermittelt.

b. Frauenbefreiungsideologie / Jineologie:

Meines Wissens nach ist die kurdische Frauenbewegung die erste (und vielleicht bislang einzige?) Frauenbewegung, die eine Frauenbefreiungsideologie für sich ausformuliert hat. Absicht dieser Ideologie ist es, für die Befreiung von Frauen und der Gesellschaft eine nicht-patriarchale Denkstruktur bzw. ein „organisiertes Bewusstsein“ zu schaffen. Die fünf Prinzipien der Frauenbefreiungsideologie stellen nicht nur eine gemeinsame theoretische Basis dar. Sie sind zugleich eine Art Handlungsgrundsätze für das Leben und den Kampf auf dem Weg zur Frauenbefreiung.

Diese Prinzipien umfassen: die Zurückweisung der Entfremdung und Kolonialisierung durch einen positiven Bezug zur Heimat (Kurdistan); das Prinzip des freien Denkens und des freien Willens von Frauen; das Prinzip der eigenständigen Frauenorganisierung; eines entschlossenen Kampfes und der Ästhetik. Hiermit ist gemeint, als Frauen eigene Ausdrucksformen zu finden, Kunst und Kultur aus einer Frauenperspektive neu zu gestalten.

Die Jineologie, die die Erarbeitung einer Freiheitsdefinition, Philosophie und Wissenschaft aus der Frauenperspektive beinhaltet, die auf dieser Konferenz erstmalig in einem größeren Rahmen mit Frauen aus verschiedenen Ländern diskutiert wird, kann meines Erachtens nach als eine Weiterführung der Frauenbefreiungsideologie bezeichnet werden. Absicht der Jineologie ist es, die Hegemonie patriarchaler Denkmodelle sowie deren Einfluss auf unsere Seele, unser Denken und Handeln zu überwinden. Aber hierauf werden andere Referentinnen in den kommenden Abschnitten der Konferenz genauer eingehen.

  1. Organisierung und Selbstverteidigung

Ich möchte abschließend auf den Punkt der Organisierung und Selbstverteidigung eingehen, den ich für einen ganz wesentlichen halte. Denn während das kapitalistische Patriarchat seine HERRschaft über die starke Vereinzelung der Gesellschaft und den Individualismus absichert, sind Organisierung und die Fähigkeit zur Selbstverteidigung die Grundlagen für gesellschaftliche Veränderung.

Die kurdische Frauenbewegung begreift die autonome Frauenorganisierung innerhalb und in Wechselwirkung mit der kurdischen Befreiungsbewegung als Garantie für die gesellschaftlichen Befreiung. Ihr Organisationsmodel hat sie als „Mittel zum Zweck“ immer wieder weiterentwickelt, sowie den Bedürfnissen und Entwicklungen entsprechend angepasst und restrukturiert.

Ihren Anfang nahm die kurdische Frauenbewegung mit dem Aufbau der ersten Frauenguerillaeinheiten. Hierdurch wurden traditionelle Geschlechterrollen radikal infrage gestellt. Dies ging einher mit der „Loslösung vom Mann“ (= patriarchaler Vorherrschaft), die zugleich für Frauen bedeutete, sich selbst von der verinnerlichten Unterdrückung zu befreien. In der Folge entwickelten Frauen ein neues Selbstbewusstsein und Stärke, was dazu führte, dass unter Frauen in der kurdischen Gesellschaft gegenseitiger Respekt, Vertrauen und Solidarität neu gestärkt wurden. Der Aufbau von Bewusstsein und Strukturen zur Selbstverteidigung gegen die Angriffe des patriarchalen Systems ist die Grundlage für Unabhängigkeit im Denken und Handeln von Frauen und Frauenorganisationen.

Heute verfügt die kurdische Frauenbewegung über eine breite Basis in allen vier Teilen Kurdistans, im Mittleren Osten und überall dort, wo kurdische Frauen im Exil leben. Unter dem Dach des Hohen Frauenrates KJB koordinieren sich alle Frauenorganisationen und Frauen, die sich auf die Frauenbefreiungsideologie beziehen und sich als Bestandteile der konföderalen Gemeinschaft der Kommunen Kurdistans (KCK) begreifen. Diese autonome Frauenorganisierung umfasst die Verbände der Freien Frauen YJA und den Verband der Jungen Frauen, die sich über verschiedene Frauenräte, Frauenakademien und Fraueneinrichtungen in der Zivilgesellschaft organisieren. Desweiteren gehören hierzu auch Frauenselbstverteidigungskräfte wie YJA Star und die ideologische Frauenfreiheitspartei PAJK. Diese verschiedenen Organisationsformen haben spezifische Aufgaben, verfügen jedoch über eine gemeinsame Zielsetzungen und ergänzen sich gegenseitig. Hierdurch wurde ein Frauensystem geschaffen, das einen Prototyp für den Aufbau eines alternativen Gesellschaftssystems darstellt. Es ist die Grundlage für Selbstverwaltungsstrukturen, an denen alle Frauen mitwirken können. Welche Wirkungskraft dieses Model entwickeln konnte, wird wohl am besten an den aktuellen Entwicklungen in Rojava (Westkurdistan/Syrien) deutlich, die als eine Frauenrevolution im Mittleren Osten beschrieben werden. Da hierauf eine Referentin aus Rojava im weiteren Verlauf der Konferenz aus erster Hand berichten wird, möchte ich nur kurz erwähnen, dass das Frauenrechtskomitee der autonomen Regierung des Kantons Cizre in Rojava vor 4 Tagen verkündete, zum 8. März ein Frauengesetz zu erlassen, das ein wirksames Instrument zur Bekämpfung von Sexismus und patriarchalen Strukturen darstellen werde.4

Der „Aufbau der Zukunft“ bedeutet eigentlich, uns die Frage zu stellen, wie wir das Erbe des Feminismus weitertragen und „die Revolution im Hier und Jetzt“ vorantreiben können. In der Auseinandersetzung mit den Errungenschaften der Frauenbewegung in Kurdistan wird deutlich, das die Revolution weiblich ist und keinesfalls auf Machtübernahme beruht. Eine Revolution kann nicht für die Gesellschaft oder für Frauen gemacht werden, sondern durch die Gesellschaft und durch Frauen. Das heißt, dass wir als Frauen neu und radikal denken, uns organisieren und aus der Frauenperspektive eine neue Politik und Wissenschaft mit dem Ziel der gesellschaftlichen Befreiung entwickeln müssen. Hierzu ist es wichtig, dass Frauen ihre eigenen Bedürfnisse, Tagesordnungen und Ziele definieren. Entschlossene, radikale Aktionsformen und wissenschaftliche Diskurse sind genauso notwendig wie lokale und internationale Vernetzung. Um auf dieser Welt etwas verändern zu können, sind Frauen notwendig, die das Bewusstsein, den Mut und die Entschlossenheit haben, aus den Grenzen des Systems auszubrechen und am Aufbau neuer gesellschaftlicher Strukturen mitzuwirken. Frauen, die die Verantwortung dafür übernehmen, den Prozess der Befreiung und Selbstorganisierung der Bevölkerung voranzubringen und sich selbst in einen solchen Prozess wirklich voll und ganz einbringen. Unsere eigenen Gedanken, Gefühle und Aktionen mit den Prinzipien einer freien Gesellschaft in Einklang zu setzen, würde bedeuten, zwischen dem System und uns als kämpfenden Frauen wieder einen Abstand aufzubauen. Denn wie eine Frau aus der Frauenfreiheitspartei PAJK sagte: „Heute Revolutionärin zu sein, ist sehr viel schwerer als in den 60er oder 70er Jahren. Denn die Kraft, die uns gegenübersteht (…) hat sich auf eine sehr vielfältige Weise organisiert und sehr subtile Herrschaftsmechanismen. Es bleibt zu schwach nur zu sagen, ich lehne diese Kraft ab, ich stelle mich dagegen. Deswegen ist es jetzt mehr als notwendig, dass wir wirklich Revolutionärinnen sind.“5

1Vgl. „Gelebte Utopien und Widerstand“, Mesopotamien Verlag 2012, S. 75

2 wie z.B. von Olympe de Gouges, Mary Wollenstonecraft, Clara Zetkin, Emma Goldman, Alexandra Kolontai u.a.

3Vgl. Gelebte Utopien und Widerstand, S.

4ANF, 25.02.2014

5Gelebte Utopien und Widerstand

Schreibe einen Kommentar