Jineolojî Akademie: Bildung und Forschung zur Erweiterung des Freiheitsbegriffs

ZOZAN SIMA, Mitglied des Jineolojî-Komitees

erschienen in Kurdistan Report 191, Mai/Juni 2017

Die Frau versucht die als Wissenschaft des Lebens beschriebene »Jineolojî« auf eine theoretische und organisatorische Basis zu stellen. Obgleich die ersten Schritte und Diskussionen in den Bergen Kurdistans stattfanden, stießen sie in kurzer Zeit auf breite Resonanz. In den Gegenden, wo die Freiheitsbewegung Kurdistans einflussreich ist, haben in erster Linie Frauen und mit ihnen zusammen auch Männer angefangen Jineolojî zu begreifen und Fragen bezüglich der Beziehung zwischen Frau und Mann und der Freiheit der Frau durch dieses Konzept zu erläutern. Frauen und Männer aus dem Mittleren Osten und Lateinamerika, an die die Jineolojî herangetragen wurde, haben das Konzept mit einer ähnlichen Euphorie begrüßt. Das wachsende Interesse an der Jineolojî hängt zum einen mit der Methodik zusammen, die die Beziehung zwischen Frau und Mann und deren Probleme aus einer gesellschaftlich-historischen Perspektive betrachtet, Analysen basierend auf der Transformation des Mannes anstellt, und auch mit der systemgegnerischen, revolutionären Perspektive des Widerstands. Zum anderen ist sicherlich ein weiterer ausschlaggebender Faktor die aktuelle Krise im Mittleren Osten und der Charakter der Revolution in Rojava. Es ist eine Revolution, die sich aus einer staatenlosen, ökologischen und frauenbefreienden Perspektive heraus entwickelt hat. Zudem hat sie die Befürchtungen, dass das Zeitalter der Ideologien und Utopien vorbei sei, zunichtegemacht.

Insbesondere hat die Rojava-Revolution das orientalistische Bild der rettungsbedürftigen Frau aus dem Mittleren Osten zerstört. In Rojava haben die Frauen, die sich selbst verteidigen, eine Armee aufgebaut. Sie haben in sämtlichen politischen Entscheidungsgremien gleiche repräsentative Rechte und das Prinzip des gemeinsamen Vorsitzes manifestiert. In der konföderalen Struktur, welche die staatenlose Organisierung der Gesellschaft darstellt, haben sie ihre eigenen konföderalen Organisierungen geschaffen. Es grenzte in der öffentlichen Wahrnehmung an ein Wunder, dass sich diese Entwicklungen in einer Kriegssituation ereigneten, in der der sogenannte Islamische Staat (IS) mit seinen Grausamkeiten alles in Schutt und Asche legte und Frauen zu Sklaven und Odalisken (eine Sklavin oder Konkubine in einem Harem, besonders in den Harems des Sultans der Türkei). gemacht wurden. Allerdings wissen diejenigen, die sich mit dem Hintergrund dieser Entwicklungen und deren Widerstandsgeschichte beschäftigt haben, dass dies kein Wunder war. Im Gegenteil, sie sind das Abbild eines Erfahrungsschatzes der den »Freiheitsmoment« zur richtigen Zeit ergriffen hat.

Wir definieren Jineolojî als eine Erweiterung des Freiheitsmoments um den Kontext der Freiheit der Frau. Wir definieren Jineolojî auch als eine sozialwissenschaftliche Ansicht, die die Revolutionsmomente der Geschichte aus einer sozio-historischen Perspektive in den Kontext der Freiheit der Frau setzt. Hinter diesem Potential der Freiheit der Frau in Rojava stehen die seit 20 Jahren fortdauernden Arbeiten von Abdullah Öcalan sowie die mehr als 30-jährigen Erfahrungen der Frauenfreiheitsbewegung Kurdistans und deren Befreiungsideologie. Diese Ideologie beinhaltet Prinzipien aus den Erfahrungen der Frau bezüglich Identität, Leben, Organisierung, Kampf und Wiederaufbau. Die Jineolojî wiederum taucht dort auf, wo sich die Ideologie der Soziologie nähert und die Soziologie die Ideologie weiterentwickelt und so von den dogmatischen Elementen bereinigt. Die gesellschaftliche Transformation und Revolution können sich von der »Gesellschaftsarchitektur« nur so befreien.

Vor dem Hintergrund dieser Perspektive werden in den Regionen Rojava (Westkurdistan/Nordsyrien) und Bakur (Nordkurdistan/Türkei) die ersten Arbeiten zur Jineolojî verfasst. Anfänglich wurden Arbeiten verfasst, die die Verbindung zwischen Revolution und Soziologie und Revolution und Jineolojî erläutern. Diese Arbeiten werden weiterhin fortgeführt. Die gesellschaftliche Formierung zu Zeiten des Baath-Regimes macht es notwendig, auf der intellektuellen und ideellen Ebene einen entscheidenden Kampf gegen eben jene alte Geisteshaltung zu führen. Daher stellt die Bildung die intensivste Aktivität dar, und auch die Gesellschaft wird in den zahlreichen Akademien unterrichtet.

Die ersten Bäume im Obstgarten des Frauendorfes In der Jineolojî-Akademie in Rojava wurden in den letzten zwei Jahren intensive Bildungsarbeiten durchgeführt, in denen Jineolojî vermittelt wurde. Bildungsmaterialien wurden erstellt und Seminare veranstaltet. Zu Themen wie Gesellschaftsvertrag, Frauengesetze und an allen Diskussionen zur organisatorischen Struktur wurde teilgenommen. Es wurde gewährleistet, dass Jineolojî in den Gymnasien und Universitäten in dem Lehrplan aufgenommen wurde. Im Moment wird an den Gymnasien in den Kantonen Afrîn und Kobanê Jineolojî unterrichtet. Für die Ausbildung der Jineolojî-Lehrenden wurden Blockseminare veranstaltet. Auch in den sozialwissenschaftlichen Akademien wird Jineolojî unterrichtet, ein eigener Studiengang ist in Planung. In den Regionen Rojava, Bakur, Syrien bietet sich die Möglichkeit, ein neues Bildungsprogramm zu entwickeln, welches von der Vorschulbildung bis zur Universität dafür sorgt, dass das gesellschaftliche Geschlecht überwunden wird. In diesem Bereich möchten wir effektiver arbeiten. Natürlich möchten wir hierbei von den Erfahrungen weltweit profitieren, aber in gleichem Maße auch unser eigenes Modell und unseren eigenen Lehrplan entwickeln.

Ebenfalls haben wir in Rojava, Bakur, Syrien mit einer soziologischen Forschung begonnen, die die Lage der Frauen auswerten soll. Diese Forschung wird sowohl der Arbeitsperspektive der Jineolojî-Akademie dienlich sein als auch den Frauenorganisationen eine Stütze bieten. Außerdem sind wir Teil des JINWAR-Frauendorf-Projekts. Dieses Pilot-Projekt der Rojava-Frauenstiftung, von Kongra-Star und der Jineolojî-Akademie möchte einen Raum für Frauenleben schaffen. Selbstverständlich führen wir einen Kampf und betreiben Wiederaufbau, der ganz Rojava umgestalten soll. Allerdings lassen die regressiv-traditionelle Gesellschaftsstruktur und der harte Krieg nicht zu, dass manche Frauen ihr Leben mit ihrem eigenen Willen meistern können. Mit diesem Pilot-Projekt möchten wir einen ersten Beitrag zur Schaffung von Lebensräumen für Frauen, die ihr eigenes Leben aufbauen wollen, leisten. Es soll ein ökologisches, kommunal-ökonomisches Dorf, mit demokratischen Partizipationsmöglichkeiten durch ein Frauennetzwerk geschaffen werden.

Um der Jineolojî-Akademie eine produktivere und modellhafte Struktur zu verleihen, führen wir unsere Diskussionen fort. Bisher wurden aufgrund von Notsituationen Bildungsperioden veranstaltet. Es wurden Seminare zum Gesellschaftsvertrag der Frau veranstaltet und zur ideellen Produktivität angeboten. Unsere Arbeiten auf der Grundlage des Gesellschaftsvertrags werden wir auch in der kommenden Zeit fortführen. Wir planen auch Seminare zu weiteren unterschiedlichen Themen. Langfristig verfolgen wir das Ziel, in jeder Stadt eine Jineolojî-Arbeitsgruppe zu organisieren, die sich zu einem Recherchezentrum entwickelt und in jedem Bereich der Akademie die Regeln der Wissenschaft herausfordert.

Zuletzt können wir feststellen, dass wir als Jineolojî-Akademie noch in den Kinderschuhen stecken. Die ersten Ergebnisse werden sowohl unsere weiteren Wege bestimmen als auch uns zu größeren Schritten verleiten. Wir verfolgen das Ziel, unsere Erfahrungen mit den Frauenbewegungen weltweit zu teilen und mit ihnen auf verschiedenen Ebenen zu kooperieren. Insbesondere glauben wir, dass Frauen, die einen Kampf gegen das System führen, und Frauen, die im Mittleren Osten eine Frauenrevolution zu realisieren versuchen, nur mit Hilfe der Jineolojî tiefgreifende Schritte entwickeln können.

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