Aufgaben und Ziele der Jineolojî

Haskar Kırmızıgül

erschienen in Kurdistan Report 190, März/April 2017

Viele wissen, dass Jineolojî die Wissenschaft der Frau ist. Es ist kein Zufall, dass aus etymologischer Sicht der Begriff »jin« (kurdisch für »Frau«) mit dem Wort »jiyan« (Leben) eng verwandt ist. Während sich die Jineolojî als eigenständige Wissenschaft etabliert, wird sie sich weiterentwickeln, weil sie mit dem Leben verbunden ist. Behaupten die Sozialwissenschaften nicht genau das, gesellschaftliche Fragen zu lösen? Wenn dies stimmte, würde die Frau nicht als Müllhalde der Gesellschaft betrachtet, sondern als Kern für Aufklärung und Freiheit. Es gilt, die Frau von dem Status der heiligen Mutter, fundamentalen Ehre, unverzichtbaren Person und auch als Partnerin zu befreien und stattdessen als selbstständige Person zu analysieren (Öcalan). Aufgrund dessen sollte die Jineolojî auch als Wissenschaft des Lebens verstanden werden. Die sozialwissenschaftlichen Quellen analysieren die Frau nicht korrekt, und wenn, dann nur als ein das Patriarchat erhaltendes Wesen.

Anstatt sie als die Quelle der Gesellschaft zu verstehen, wird sie immer als deren Achillesferse beschrieben. Somit geht es der Sozialwissenschaft nicht darum, nachhaltige Lösungen für vorhandene Probleme zu finden, sondern zunächst einmal die schwächste Stelle zu kitten. Jineolojî ist die Wissenschaft, die versucht, eins zu sein mit dem gesellschaftlichen Werden, sich so einen eigenen Stellenwert zu erarbeiten und dabei auch die Sozialwissenschaften mit der Gesellschaft zu vereinen. Sie versucht deutlich zu machen, dass bisherige Forschungen und Forschungsergebnisse unzulänglich sind. Es ist unsere Aufgabe, sowohl die Blockaden innerhalb der Gesellschaft als auch deren Misere zu überwinden und die wahre Rolle der Frau mit ihrer Intelligenz und ihren Emotionen zu analysieren und Perspektiven aufzuzeigen. Erfolgreich zu sein bedeutet, auch im Prozess von Diskussion, Analyse und Lösungsfindung gesellschaftlich zu sein. Wir kritisieren diejenige Wissenschaft, die den Charakter der Frau, ihre Identität und ihre Geschichte mit verschlossenen Augen oder gar schielend betrachtet. Um diese Blindheit zu begreifen, müssen die Quellen analysiert und Lösungswege entwickelt werden – das ist die Hauptaufgabe der Jineolojî.

Ihre besondere Bedeutung ist, neben der Entwicklung einer unabhängigen Wissenschaft und eines unabhängigen Denkens, die Schaffung alternativer Lebensformen. Wenn dies ernsthaft angegangen wird, werden in Bereichen wie Geschichte, Wissenschaft, Philosophie, Kunst, Wirtschaft, Moral, Politik und Gesellschaft neue Perspektiven geschaffen, entsprechende Strukturen entwickelt und Lösungen für die gesellschaftlichen Fragen gefunden werden.

Wenn unser Wissenschaftsbegriff, unser Blick auf die Dinge nicht aufklärerisch ist, können wir auch keine Antwort sein auf die gesellschaftlichen Probleme und somit auch keine Alternative schaffen. Mit einer neuen Form von Wissenschaft und Organisierung können wir dies jedoch. Wir müssen erkennen, dass die Frau ökonomisch, sozial, politisch und intellektuell kolonialisiert wurde. Diese Erkenntnis ist aus der Kritik der Mythologie, der Religionen, der Philosophie, aber auch der Gesellschaftswissenschaft entstanden, die allesamt die Frau nicht als zentrales Subjekt betrachten.

Unser Kampf hat bereits Veränderungen bei der Begriffbestimmung erreicht. Der Begriff der Ehre wird somit nicht mehr mit Mann und Heirat in Verbindung gebracht, sondern jetzt mit Freiheit. So hat Öcalan auch einen neuen Unschuldsbegriff geprägt: Das Bewusstsein für die Freiheit eines Menschen darf nicht in Vergessenheit geraten. Während Moral mit Religion und der Vorherrschaft des Mannes assoziiert wurde, geht es heute dabei um Verantwortungsgefühl für die Gesellschaft. Das alles zusammen heißt, dass Jineolojî als neuer Begriff entsteht und dabei auch bestehende Definitionen verändert.

Manche verstehen die Jineolojî als neue Ideologie, da sie auf dem Kampf der kurdischen Frau basiert. Jenen empfehle ich, den Verband Freier Frauen Kurdistans (YAJK) und die Untersuchungen zur Ideologie der Frauenbefreiung mitsamt ihren fünf Grundsätzen zu analysieren. Und natürlich hat die Jineolojî eine Verbindung zur Ideologie. Abdullah Öcalan formuliert das folgendermaßen: »Die Distanz zwischen Ideologie und Soziologie ist geschrumpft. Auch der Unterschied zwischen Soziologie und dem wissenschaftlichen Sozialismus hat sich verringert. Die Verbindung zwischen Ideologie, Soziologie und wissenschaftlichem Sozialismus hat sich verfestigt und entwickelt sich gemeinsam in Richtung gesellschaftlicher Wissenschaft.« Die Jineolojî als organisatorisches Ergebnis oder gar als eine Partei wahrzunehmen, wäre nicht korrekt. Aber selbstverständlich ist die Jineolojî ein Bestandteil der Frauenfreiheitspartei Kurdistans (PAJK), insofern besteht auch eine Verbindung zwischen ihr und der Frauenpartei.

Der Ertrag aus dem Freiheitskampf der Frauen: Jineolojî

Wir können mit Gewissheit sagen: Die Jineolojî ist der Ertrag, der sich aus dem Freiheitskampf der kurdischen Frau entwickelt hat. Ihre Prinzipien hat sie im Prozess der Lösung gesellschaftlicher Probleme entwickelt. Anfangs war die Frau nicht in der Lage, die Grenzen ihres Schicksals wie auch die der Klassenkämpfe zu überwinden. Im Kampf um Freiheit wurde jedoch deutlich, dass in diesem gesellschaftlichen Zustand die Frau ihre Freiheit nicht wird erlangen können. Verhältnisse, die nichts mit der gesellschaftlichen Natur zu tun haben, zeigen sich am prägnantesten im Leben der Frauen.

Welche Veränderung bringt unsere Theorie denjenigen Frauen, die im Kindesalter verheiratet, zusätzlich mit einer Zweitfrau konfrontiert, jeden Tag mit Gewalt konfrontiert, ökonomisch und sexuell unterdrückt werden und die sich nicht aus den Fängen der Religion lösen können? Bietet sie den Frauen eine Möglichkeit, sich zu wehren? Mit diesen Fragen haben wir gemerkt, dass es nicht richtig ist, den kurdischen Freiheitskampf, an dem tausende von Frauen teilnehmen, nicht mit allgemeinen Grundsätzen zu verknüpfen. Unser Versprechen für die Gesellschaft lautet: Die Freiheit der Frau ist die Freiheit der Gesellschaft – jin jiyan azadî (Frau, Leben, Freiheit).

Die verknöcherten Probleme unserer Gesellschaft und die tragischen Ergebnisse der realsozialistischen Erfahrungen haben sowohl rhetorisch als auch praktisch einen Neuanfang unumgänglich gemacht.

Die 1987 begonnene Analyse der Rolle der Frau und der Familie kann als Grundlage dieses Neuanfangs betrachtet werden. Die Frauen- und Familienfrage kommt in gewisser Weise einer soziologischen Untersuchung der Gesellschaft Kurdistans gleich.

Inzwischen sind wir weiter vorangekommen. Wir sind eine Bewegung, die den Menschen soziologisch analysiert. Was für Eigenschaften der Gesellschaft, der Kultur, des Glaubens spiegeln sich im Menschen wider?

Unser Kampf richtet sich gegen die Kolonialisierung des Menschen, gegen die Herrschaft des kapitalistischen Systems und entwickelt eine richtungsweisende Lösung. Wir können auf tausende soziologische Lösungsansätze zurückgreifen. Noch heute lehnt sich die Befreiungsideologie der Frau an die 1995 gegründete Frauenorganisation YAJK und die Frauenarmee an.

Nach der Theorie der Loslösung haben wir die Theorie der »andauernden Trennung« (sonsuz boşanma), in den 2000er Jahren den Gesellschaftsvertrag, dann das Projekt der Veränderung des Mannes, den Co-Vorsitz und die Theorien der Selbstverteidigung und des freien und gleichberechtigten Lebens entwickelt. Diese Theorien wurden in der Praxis erprobt und aus den Erfahrungen sind Lehren gezogen worden. Die Theorie der Loslösung hat dazu verholfen, dass die Frau ihre eigene Identität kennenlernt, sich in jeder Hinsicht (Bildung, Verteidigung, Besiedlung und Leitung) gewappnet sieht und sich so organisieren kann, dass sie sich vom Mann hinsichtlich Intelligenz, Emotion und Motivation unabhängig machen kann (z. B. entstand im militärischen Bereich die Frauenarmee). Die Theorie der Loslösung hat uns ermöglicht, uns selbst frei zu organisieren. Sie hat gezeigt, dass die Frau, ihre Identität und Autonomie schützend, am Leben teilhaben kann, ohne sich vom Mann zu isolieren. Dies wirkt sich auf die Identitätsfindung der Frau aus. Das zeigt sich an der Präsenz der Frau im Bereich der Selbstverteidigung, Politik, Kultur etc.

Ein anderer Fall ist das Projekt der Veränderung des Mannes. Im Rahmen dieses Projekts ist es vermutlich das erste Mal, dass Frauen Männer ausgebildet und ihre Beziehung zur Macht analysiert haben. Öcalan hat gesagt: Solange ihr den Mann nicht analysiert habt, ist euer Leben in Gefahr. Dieser Aufklärungsprozess sollte im wissenschaftlichen Rahmen stattfinden. Diese Theorien wurden bereits vor der Jineolojî entwickelt, dennoch können wir sagen, dass sie ihre Bedeutung bei der Lösung gesellschaftlicher Probleme nicht verloren hat.

Das beste Beispiel dafür ist die Anwendung des nach dem Jahr 2000 vereinbarten Gesellschaftsvertrages in Rojava. Die Betonung liegt darauf, dass Frauen und Männer dieselben Rechte haben. Dieser Gesellschaftsvertrag, zunächst als ein Gesetz mit 39 Artikeln verfasst, wurde immer detaillierter. Kurz, wir haben dieses Wissen und die Theorien mit unserer Lebenserfahrung zusammengebracht. Es hat uns bereichert, die Tagebücher der Frauen in der Guerilla, ihre Lebensphilosophie und über ihren Lebenskampf zu lesen. Die Selbstverteidigung bezieht sich auf Bêrîtan (Gülnaz Karataş), die sich in die Schlucht gestürzt hatte, um den Peşmerge der Demokratischen Partei Kurdistans (PDK) zu entkommen. Die Ideologie der Frauenbefreiungsbewegung wurde erst diskutiert, nachdem sich Sema Yüce 1998 im Gefängnis angezündet hatte. Die Göttlichkeitskultur wurde erst nach Taten wie denen von Zeynep Kınacı und Arin Mirkan wiederbelebt und im internen Kreis diskutiert.

Jineolojî muss als Wissenschaft die Antwort auf gesellschaftliche Probleme sein

Die Informationstheorie der Jineolojî versucht Lösungen für gesellschaftliche Probleme zu finden. Sie versucht die Blockade innerhalb der Gesellschaft als auch den Ursprung der Krise zu überwinden und die wahre Rolle der Frau mit ihrer Intelligenz und ihren Emotionen zu analysieren und Lösungen aufzuzeigen. Im Prozess der Diskussion, Analyse und Lösungsfindung eine gesellschaftliche Bedeutung zu erlangen, das bedeutet, erfolgreich zu sein. Mit ihrer ersten Auflage vom 8. März hat die dreimonatliche Theoriezeitschrift Jineolojî es geschafft, den theoretischen Rahmen zu bereichern. Außerhalb dessen gibt es ebenfalls Forschungen in anderen Bereichen. Zuletzt wurden in Şengal Untersuchungen angestellt. Das ist von großer Bedeutung. So wurde unter dem Namen Freiheit ein dreibändiges Buch veröffentlicht, das den theoretischen Rahmen im Hinblick auf Selbstverteidigung, freies, gleichberechtigtes Leben, gleichberechtigten Co-Vorsitz darstellt.

Um es nochmals zu betonen: In der Jineolojî werden Begriffe, Lehrsätze und Strukturen Hand in Hand entwickelt. Beispielsweise ist der Co-Vorsitz institutionell verankert und funktioniert in der Praxis. Weil das Prinzip dahinter im Allgemeinen nicht verstanden worden war, hat die Jineolojî dazu eine Broschüre herausgebracht. Das nur als Beispiel dafür, dass die Institutionalisierung auch vor der theoretischen Legitimierung erfolgen kann.

Die zum Arbeitsfeld der Jineolojî gehörenden Untersuchungen und Forschungsergebnisse, die aus der Kritik der bestehenden Sozialwissenschaften entstanden, sind zugleich Grundlage für die Organisierung der Jineolojî.

Sie hat den Anspruch, in Bereichen wie Ethik, Ästhetik, Ökonomie, Demographie, Ökologie, Historie, Gesundheit, Bildung und Politik eine Perspektive zu entwickeln. Dafür muss sie sich vergegenwärtigen:

Sie muss die Sozialwissenschaften kritisch betrachten.

Sie untersucht, wie sich im Rahmen anderer Wissensstrukturen wie Mythologie, Religion und Philosophie mit den jeweiligen Themen auseinandergesetzt wird.

Sie untersucht den demokratischen Widerstand der Moderne und den Bewusstseinsstand (ohne sich dabei räumlich oder zeitlich einzuschränken, wie es der Positivismus tut) und betrachtet ganzheitlich die sozialistischen Erfahrungen bis in die natürliche Gesellschaft.

Sie nimmt feministische Quellen als primäre Forschungsgrundlage.

Ethische Ästhetik: Wir haben die Jineolojî vorgestellt als Lebenswissenschaft. Alle Eigenschaften des Lebens sind zugleich auch Eigenschaften der Jineolojî. Das Leben zu verschönern und zu befreien ist ein Teil davon. Ethik ist das, was wir freie Moral und Erkenntnis nennen. Die Ästhetik hingegen führt die Moral und das Wissen zur Wahrhaftigkeit. Alles, was eins wird mit seiner Natur, ist Ästhetik. Denn Natürlichsein ist eine Form von Handlung, die ihre Basis in der Freiheit hat. Die Jineolojî soll bei den Frauen das philosophische und ästhetische Bewusstsein stärken, um sie so von den »Schönheitsidealen«der Konsumgesellschaft zu befreien. So ist wohl ein Ergebnis der Jineolojî, dass die Schönheit der Freiheitskämpferinnen unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht. Denn das sind Frauen, die ihre Natürlichkeit erreicht haben, und deshalb existieren sie. Im Kampf um das Dasein schreiten sie voran, greifen dabei diese Art der Ethik und Ästhetik auf und sind deswegen so anziehend. Um das Leben zu verschönern, also das Leben zu seiner eigenen Natur zurückzuführen, befasst sich die Jineolojî sehr fokussiert mit dem Thema der Ästhetik.

Demographie: Laut Jineolojî war sie von Beginn der gesellschaftlichen Entwicklung an bis vor ein-, zweihundert Jahren der Wirkungsbereich der Frau. Im Allgemeinen heißt es, dieser Bereich sei hauptsächlich durch den Mann entfremdet worden, aber die wahre Ursache ist der Kapitalismus. Hunderttausende Frauen sind verbrannt worden. So lagen einst die Bereiche der gesellschaftlichen Entwicklung, Geburt, Tod und Migration in der Hand der Frau. Damit unterlag es ihrer Entscheidungsgewalt, ob eine Geburt stattfindet, inwiefern und unter welchen Bedingungen sie Kinder wollte oder nicht. Heutzutage liegt die Entscheidung in der Hand der Väter, Ehemänner oder faschistischen Diktatoren. Ungewollte Schwangerschaften, die daraus resultierenden Todesfälle und Verletzungen, die falsch geführte Diskussion über die Abtreibung, der Missbrauch der Gebärfähigkeit der Frauen durch Diktatoren, die sie als Reproduktionsfeld für Nationalismus und Rassismus instrumentalisieren, das Bevölkerungswachstum, das zur Gefahr für die Umwelt geworden ist, die Verdammung der Geburtenkontrolle als »Sünde« und die Überlastung des Frauenkörpers in frühen Jahren, die fehlgeleitete Religionsauslegung, die zum Tod vieler Frauen führt, und viele andere an dieser Stelle nicht erwähnte Probleme, welche die gesellschaftliche Krise kennzeichnen, sollen mit Hilfe der Jineolojî angegangen und aufgelöst werden.

Ökonomie: Ihrem Ursprung nach ist die Ökonomie eine aus matriarchalen Strukturen heraus entwickelte Form gesellschaftlichen Wissens. Es wurde der Gemeinschaft gestohlen und gelangte in die Hände monopolistischer Kapitalisten. Die politische Ökonomie, Geschichte, Soziologie, Bildung, aber auch viele weitere Bereiche leugnen das, verschließen die Augen davor und sorgen für die Verdrehung der Tatsachen. Die Jineolojî wird dieser Blindheit, Leugnung und Verdrehung eine Antwort geben. Jineolojî steht sowohl für den Kampf um die Verwirklichung einer kommunalen, gesellschaftlichen Ökonomie, die an den Bedürfnissen der Gesellschaft orientiert ist und dementsprechend ihre Produktion bestimmt, als auch für die Entwicklung einer ökonomischen Lösung der Probleme Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit. Darüber hinaus versucht Jineolojî eine neue Form der Arbeitswerttheorie zu entwickeln. Es ist ihr Ziel, das patriarchale Geschlechterverhältnis zu überwinden. Das soll eine der Grundlagen einer frauenzentrierten und nicht am Wachstum orientierten Ökonomie werden.

Die Frauen werden neben einem demokratischen und freien Leben eine gesellschaftliche Alternative entwickeln und dafür Diskussionen und Projekte initiieren. Die in Rojava aufgebauten Frauenkommunen und -kooperativen sind ein Beispiel für die Institutionalisierung dieses Ziels. Beispielsweise haben in Rojava Frauen Sitze im Ministerium für Wirtschaft; in den Ökonomieakademien gibt es reine Frauenseminare.

Die Frauen-Ökonomieeinheit, die mit dem Ökonomiezentrum Rojava zusammenarbeitet, hat einige Pilotprojekte entwickelt. Beispielsweise arbeiten in Serê Kaniyê in der Wirtschaftskooperative Bistana Roj kurdische und arabische Frauen zusammen.

Vor Beginn der staatlichen Zwangsverwaltung der Kommunen in der Türkei (zu denen ich keine Zahlen nennen kann, weil die Anzahl der Zwangsverwaltungen täglich steigt!) gab es 43 Frauenzentren, die an die von der Partei der Demokratischen Regionen (DBP) geführten Stadtverwaltungen angegliedert waren. Es wurden insgesamt 15 Werkstätten, Berufskurse und Kooperativen für die Entwicklung der Frauenökonomie eingerichtet.

Politik: Die Gesellschaft ist heutzutage Opfer falscher politischer Gewichtung. Die Jineolojî, die sich als Teil der gesellschaftlichen Basis versteht und sie weiterentwickeln will, versucht mit ihrer Politik, die Frau und die Gesellschaft in jeder Beziehung als aktives Subjekt zu etablieren. Was bedeutet das für die Praxis?

Das bedeutet unter anderem, dass die zivilgesellschaftlichen Gruppen dazu angeregt werden, sich mit ihren Besonderheiten politisch zu betätigen, dass die politischen Herangehensweisen zur Diskussion gestellt und neu organisiert werden. Die Jineolojî befindet sich im Kampf gegen die Dynamik einer Politik, die Frauen und Gesellschaften ausgrenzt. Mit einer jineologischen Perspektive werden eine politische Philosophie und deren Anwendung entwickelt. Wenn die unsere Welt zerstörenden Kriege zum Schicksal erklärt werden und der Frieden zu einer Utopie wird, wenn die Natur mit grenzenloser Zerstörung konfrontiert wird, wenn die grundlegendsten Probleme unseres Lebens nicht gelöst werden können, dann sieht die Jineolojî die Ursache darin, dass die Gesellschaft, und in erster Linie die Frau, von ihrer Verantwortung, Politik zu betreiben, entfremdet wurde. Der Co-Vorsitz ist ein Ansatz, dem entgegenzuwirken. In den Volksräten, politischen Parteien und auch sonstigen Vereinen und Organisationen wird der Co-Vorsitz praktiziert.

Die Demokratische Partei der Völker (HDP), die sich zu 51 % aus Frauen zusammensetzt, wurde am 7. Juni 2015 von einem ebenso hohen Anteil Frauen gewählt wie die anderen drei Parteien zusammen. Am 7. Juni wurden 32 und am 1. November 23 Frauen ins Parlament gewählt und konstituierten dort eine Frauengruppe. Frauen beteiligen sich in Parlament und Kommunen aktiv an der Politik. Die parlamentarische Organisierung, die es in ganz Kurdistan gibt, findet ganz konkret in Rojava unter dem Dach der Bewegung für eine Demokratische Gesellschaft (TEV-DEM) statt. Von 600 TEV-DEM-Mitgliedern sind 300 Frauen.

Geschichte: Die hegemonialen Strukturen in der Zivilisationsentwicklung haben die Geschichte und die Gesellschaft immer aus der Perspektive von Staatsaufbau, -zerfall und -teilung betrachtet. Diese machtzentrierte Perspektive hatte den Weg dafür geebnet, die Geschichte als Kulturzeit zu definieren und zu legitimieren. Dieser Blick war geprägt von Blindheit und Oberflächlichkeit und hat für die Verschleierung der historischen Wahrheiten gesorgt.

Es bedarf eines alternativen Weges, sich der Geschichte anzunähern, anstatt so wie bisher zu verfahren. Die Geschichte darf weder als geradlinig noch als zielgerichtet aufgefasst werden. Denn die Zeit selbst ist weder der Ursprung von Boshaftem noch des späteren Guten.

Die Jineolojî hat sich zum Ziel gesetzt, die Historik als Teil der Sozialwissenschaften um eine philosophische Perspektive zu erweitern. Sie rechnet mit derjenigen Geschichtsschreibung ab, welche die Geschichte der Gesellschaft und der Frau ignoriert. Die Jineolojî verknüpft die Vergangenheit und die Zukunft mit der Geschichte. Sie versteht die Gesellschaftsgeschichte als Teil der Naturgeschichte. Deshalb betrachtet sie das Lebendige immer im Kontext seiner Geschichte und seines Ursprungs. Eines der größten Probleme, unter dem die Gesellschaft heute leidet, ist es, dass sie losgelöst von ihrem Ursprung gesehen wird.

Um in unserem von Entwurzelung geprägten Jahrhundert einen realen Begriff von Gegenwart und Zukunft zu entwickeln, ist ein richtiges Geschichtsverständnis unerlässlich. Die Jineolojî ermöglicht es uns, ein stärkeres Bewusstsein für Geschichte zu entwickeln. Sie befasst sich damit nicht, um die Frau lediglich der Geschichtsschreibung hinzuzufügen, sondern um die Geschichte der Frau ihrer Wahrheit entsprechend neu zu formulieren.

Ökologie: Das staatszentrierte Denken, das in unserer Zeit für eine unglaubliche ökologische Zerstörung verantwortlich ist und mit dem kapitalistischen System einen Höhepunkt erreicht hat, wird in der Geschichte als Degeneration und als Irrweg betrachtet werden. Ein Ziel der Jineolojî ist es, den Unterschied und die Verbundenheit zwischen Natur und Bevölkerung zu erfassen und mit ökologischem Bewusstsein einen neuen Wissenschaftszweig zu entwickeln.

Im Neolithikum hatte sich der Mensch als Teil der Natur begriffen und somit allem in der Natur vorhandenen einen Sinn gegeben. Die wichtige emotionale Intelligenz ermöglicht es dem Menschen, eine Wechselwirkung zwischen Natur und Mensch zu erkennen. Das wird die Jineolojî umsetzen. In diesem Zusammenhang wird das in erster Linie für die ökologische Krise verantwortliche staatszentrierte Denken einer weitgehenden Analyse unterzogen werden. Das wird insbesondere den Beziehungen zwischen dem Menschen und der Natur und der Frau und der Natur eine neue Bedeutung verleihen.

Bildung: Bildung ist ein existentielles, grundlegendes Recht. Jineolojî untersucht die Bildungstraditionen der Völker und damit verbunden den Zustand unserer Bildung als auch deren Verantwortung für die gegenwärtige Krise. Sie analysiert, in welcher Form Herrscher gesellschaftliche Bildung für sich ausnutzen. Darüber hinaus kritisiert sie die Sozialwissenschaften, die diese Fragen gedeckelt und nicht ausreichend erforscht haben. Um Ziele für die gesellschaftliche Entwicklung bestimmen zu können, müssen die Bildungsphilosophie und -politik sowie deren Umsetzung adäquat analysiert werden. Die Jineolojî beleuchtet die Vorreiterrolle die Frau seit Beginn der Geschichte.

Die Bildung ermöglicht in den genannten Bereichen die Institutionalisierung der Jineolojî. In anderen Bereichen können die Institutionalisierung und die Theorie der Jineolojî nur mit Bildung vermittelt werden. Somit begegnet die Jineolojî allen Bereichen mit einer akademischen Perspektive. In diesem Sinne geht es zunächst einmal darum, das akademische Personal weiterzuentwickeln. In Rojava gibt es in allen gesellschaftlichen Bereichen Akademien: von den Selbstverteidigungskräften (YPG, YPJ, HPC) bis hin zu politischen, ökonomischen, kulturellen Strukturen. Im Rahmen dieser Akademien wurden tausende Menschen unterrichtet. Um ihre eigene Perspektive zu vertiefen, gibt es auch eine Akademie der Jineolojî. Diese Akademie hat bislang fünf Bildungseinheiten durchgeführt. Insgesamt 120 Frauen, die über Jineolojî geschult wurden, vermitteln das jetzt in anderen Bildungsbereichen weiter. Diese Bildungseinheiten wurden in Kobanê, Amude, Rimelan und Dêrik eröffnet. Um die Jineolojî zu akademisieren, soll sie an der Universität in Rojava etabliert werden, am besten nicht nur als ein Element, sondern als Fakultät. Die Arbeiten für ein gutes Fundament (Lehrpläne, Analysegruppen, Lehrkräfte usw.) dauern an. Aktuell ist Jineolojî in den Schulen von Mexmûr und Rojava ab der Grundschule Teil des offiziellen Lehrplans.

Wenn die Jineolojî es schafft, sich in all diesen Bereichen zu institutionalisieren und Theorien zu entwickeln, kann sie eine unbesiegbare Form von Selbstverteidigung entwickeln. Das soll aber nicht nur in Form von Akademien, sondern in allen Bereichen stattfinden. Das gilt auch für Europa. Die Arbeiten sollen durch die Organisierung von Komitees fortgeführt werden. Als Wissenspool für Frauen sollen Bildungscamps, Broschüren, Seminare und Konferenzen organisiert werden, um die Frauen mit Wissen zu bereichern und so das Wissensnetzwerk erweitern.t

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